ROMI-Intelligence · Sonderausgabe 31. Oktober 2026
Lautstärke ist kein Lagebild
146.000 Klicks, zwei Dutzend Städte und eine Halloween-Nacht: Was für die Gen-Z-Proteste am 31. Oktober belegt ist, wer im Hintergrund mitzieht – und was Unternehmen jetzt tun sollten.
Der Samstag, an dem alle wissen wollen, was passiert
Zwei Wochen nach den schweren Ausschreitungen in Frankreich hat eine junge Initiative bundesweit für Samstag, den 31. Oktober, mobilisiert. Innerhalb einer Woche stiegen die Online-Zusagen von kaum 10.000 auf rund 146.000. Seitdem überbieten sich Kommentare mit Warnungen und Beschwichtigungen. Beides hilft niemandem, der am Samstag einen Laden, eine Filiale oder ein Bürogebäude in einer Innenstadt verantwortet.
Wer nüchtern hinschaut, sieht drei Dinge: Die Zahl, über die alle reden, ist ein Klick und keine Anreise. Die Organisation bröckelt. Und die Behörden kennen allgemeine Gewaltaufrufe im Netz, aber keine konkreten Tatplanungen. Das ist kein Grund zur Entwarnung, denn der Samstag bündelt Risiken: Halloween, Fußball, Dunkelheit ab etwa 17 Uhr, ein Feiertag in neun Ländern und ein Einkaufssamstag in den übrigen.
Diese Ausgabe geht auch den Netzwerken im Hintergrund nach. Belegt ist, wer früh aufgerufen hat, wer andockt und wer Gewalt gegen die Polizei rechtfertigt; eine Steuerung ist es nicht. Der Samstag wird so zum Stresstest: für den Staat, der in zwei Dutzend Städten zugleich gefordert ist, und für gewaltbereite Gruppen, die ausloten dürften, wie weit sie gehen können.
Ein Lagebild beginnt dort, wo man das Belegte vom Lauten trennt.
Die Lage auf einen Blick
- Groß, laut und vermutlich friedlich. Die Behörden erwarten überwiegend friedliche Verläufe. Gewaltaufrufe im Netz sind belegt, konkrete Tatplanungen kennt das Bundeskriminalamt nicht.
- Ein Klick ist keine Anreise. Angemeldet ist in den meisten Städten ein Bruchteil der Online-Zusagen. Die größten Lagen: Köln mit 15.000 laut Anmelder, Frankfurt mit 11.500 und Berlin mit 10.000 laut Veranstaltern, Bremen mit 4.000, Leipzig mit 2.500.
- Die Organisation bröckelt. Der Berliner Sprecher ist zurückgetreten, die Bundesschülerkonferenz hat sich distanziert, die Initiative betreut nach eigenen Angaben nur fünf Städte selbst.
- Das Risiko liegt am Rand und am Abend. Die Sonne geht zwischen 16:38 und 17:12 Uhr unter, mitten in mehreren Zeitfenstern. Dazu kommen Halloween, Schabbat und ein Bundesligaspiel in München.
- Feiertag hier, Einkaufssamstag dort. In neun Ländern ist Reformationstag und die Läden sind grundsätzlich zu, in Berlin, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Bayern und Baden-Württemberg ist ein normaler Einkaufssamstag.
- Andocken ist nicht steuern. Als erste rief eine Gruppe auf, die das Landesamt für Verfassungsschutz dem linksextremistischen Kommunistischen Aufbau zurechnet; Teile der Szene docken an einzelnen Kundgebungen an, etwa in Stuttgart. Eine Steuerung der Proteste ist nicht belegt, eine gezielte pro-palästinensische Mobilisierung ebenfalls nicht. Der Zentralrat der Juden warnt dennoch vor erhöhter Gefährdung am Schabbat.
- Ein Stresstest für Staat und Szene. Zwei Dutzend Städte zugleich, dazu Fußball, Halloween und Grenzkontrollen: Der Samstag prüft die Reserven der Polizei. Für gewaltbereite Gruppen ist er ein Test, wie weit sie gehen können. Die Stuttgarter Krawallnacht 2020 zeigt, wie schnell eine Feierlage kippt.
Zahlen der Ausgabe
Vom Best Case bis zum Worst Case
Die Wahrscheinlichkeiten sind meine fachliche Einschätzung auf Grundlage der geprüften Quellen. Sie sollen Entscheidungen ermöglichen, nicht ersetzen.
Best Case · 25 %
Laut, friedlich, folgenreich
Große, bunte Kundgebungen, Störer werden früh getrennt, die Nacht wird zur gewöhnlichen Halloween-Lage. Die Belastung für den Staat bleibt gering.
Wahrscheinlichster Fall · 55 %
Friedlicher Tag, unruhige Ränder
Die Hauptzüge bleiben friedlich. Am Rand Pyrotechnik, Sachbeschädigungen und Festnahmen, in ein bis drei Städten unruhige Stunden bis Mitternacht.
Ernster Fall · 15 %
Das Muster der Krawallnacht
In ein oder zwei Städten lösen sich Gruppen von einigen Hundert, greifen die Polizei an und plündern einzelne Geschäfte – örtlich begrenzt wie in Stuttgart 2020.
Worst Case · 5 %
Gleichzeitig, gezielt, bundesweit
Angriffe auf Polizei und öffentliche Gebäude in mehreren Städten zugleich, Plünderungen, antisemitische Angriffe. Die Reserven der Länder sind gebunden.
In dieser Ausgabe
- Die Lage auf einen Blick · Kernbewertung, Gefahrenphase nach ROMI, Ampel nach Räumen
- Lagekarte · alle Orte, Anmeldungen und Behördenstand
- Ein Klick ist keine Anreise · Zusagen gegen Anmeldungen, Baden-Württemberg im Detail
- Dossier · Wer ruft auf – und wer sich wie positioniert
- Dossier · Die Forderungen im Datencheck: Wehrdienst, Mieten, Preise, Schulen
- Dossier · Frankreich und Italien: eine Woche, zwei Bilanzen
- Dossier · Die Welle: zwölf Länder, fünf Muster
- Dossier · Behörden und Vereinnahmung: was belegt ist und was nicht
- Dossier · Netzwerke im Hintergrund: wer früh aufrief, wer andockt, wer Gewalt rechtfertigt
- Dossier · Feindbild Israel, Feindbild Staat: Antisemitismus, Schutz am Schabbat, was zum Film „NAZA“ belegt ist
- Der Faktor Wochenende · Feiertag, Dunkelheit, Halloween, Schabbat
- Stresstest · Prüfstand für den Staat, Testlauf für die Szene
- Lehrstück Krawallnacht · Stuttgart 2020 und sechs Vergleichsfälle
- ROMI-Analyse in sechs Dimensionen · die zwei Entwicklungen
- Prognose · vom Best Case bis zum Worst Case, beide Extreme im Verlauf, elf Frühwarnzeichen
- Was jetzt zu tun ist: die nächsten 72 Stunden nach R-O-M-I und das ATOM-Raster für die erste Stunde
- Recht und Versicherung · Innere Unruhen, Hausrecht, Lohn, Hinweise für Eltern
- Faktencheck · was kursiert und was belegt ist · Quellen
Dieses Journal gibt meine persönliche fachliche Einschätzung wieder. Es beruht ausschließlich auf öffentlich zugänglichen Quellen und entsteht nicht in dienstlicher Eigenschaft. Behördenaussagen sind mit Datum wiedergegeben, unbestätigte Angaben gekennzeichnet. Zu Parteien und politischen Forderungen gebe ich Aussagen und Daten wieder, keine politische Wertung. Wahrscheinlichkeiten und Ampel sind Einschätzungen, keine Gewissheiten. Die Lage kann sich kurzfristig ändern; vor Ort gelten die aktuellen Meldungen von Polizei und Stadt.